Gesellschaftliche Kognition

Edwin Hutchins: How Your Mind Extends Into the World | Distributed Cognition Explained

Distributed Cognition – auf Deutsch meist verteilte Kognition – bezeichnet die Idee, dass Denken nicht nur im Kopf eines einzelnen Menschen stattfindet.

Bei komplexen Aufgaben verteilt sich die kognitive Leistung oft auf mehrere Personen, Werkzeuge, Darstellungen und die Umgebung. Ein klassisches Beispiel von Edwin Hutchins ist die Navigation eines Schiffes: Kein einzelnes Besatzungsmitglied hat alle Informationen oder führt alle Berechnungen allein aus. Die Leistung entsteht aus dem Zusammenspiel von Menschen, Karten, Instrumenten, Rollen und Kommunikationswegen.

Der entscheidende Gedanke lautet:

Nicht nur der einzelne Mensch denkt – auch das koordinierte Zusammenspiel eines ganzen soziotechnischen Systems kann kognitive Leistungen hervorbringen.

Für PSI-21 ist das deshalb interessant, weil auch gesellschaftliches Wissen verteilt ist: Jugendliche, Wissenschaft, Verwaltung, Politik und digitale Systeme besitzen jeweils unterschiedliche Ausschnitte der Wirklichkeit. Die entscheidende Frage ist dann nicht nur, wer was weiß, sondern wie diese unterschiedlichen Wissens- und Wahrnehmungsräume miteinander verbunden werden.

Vom Anthropozän zur
gemeinsamen Navigation

Kulturbildung als verteilte gesellschaftliche Kognition

Seit Jahrzehnten verfügen moderne Gesellschaften über immer präzisere Beschreibungen ihrer ökologischen Gefährdungen. Die Grenzen des Wachstums machte früh sichtbar, dass exponentielle Entwicklung, Ressourcenverbrauch und ökologische Belastungsgrenzen nicht beliebig miteinander vereinbar sind. Die spätere Anthropozän-Debatte hat diese Diagnose noch einmal verschärft: Der Mensch ist selbst zu einer erdgeschichtlich wirksamen Kraft geworden. Der von Haber, Held und Vogt herausgegebene Band Die Welt im Anthropozän beschreibt diese Verschiebung ausdrücklich als anthropologische Herausforderung: Menschheitsgeschichte und Naturgeschichte greifen ineinander, und die Folgen menschlichen Handelns schlagen auf die menschlichen Lebensbedingungen selbst zurück.

Doch die enorme Erweiterung unseres Wissens hat nicht automatisch zu einer entsprechenden Erweiterung gemeinsamer Handlungsfähigkeit geführt. Genau darin liegt möglicherweise eine der zentralen Schwierigkeiten des Anthropozäns. Die Menschheit hat planetarische Wirksamkeit entwickelt, aber ihre Fähigkeit zur gemeinsamen Selbstbeobachtung, Verständigung und Korrektur ist damit nicht im gleichen Maß gewachsen.

Das Problem besteht deshalb nicht nur darin, dass wir zu wenig wissen. In vielen Bereichen wissen wir sehr viel. Klimaforschung, Erdsystemwissenschaften, Sozialforschung, Ökonomie, Demografie und Technikfolgenabschätzung erzeugen hochdifferenzierte Erkenntnisse. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, dieses Wissen gesellschaftlich so zu verbinden, dass daraus gemeinsame Orientierung und verantwortliches Handeln entstehen können.

Die Moderne hat ihre Instrumente schneller entwickelt als ihre gemeinsame Navigationsfähigkeit.

Das Bild der Navigation hilft, diese Lage genauer zu verstehen.

Auf einem Schiff genügt es nicht, über gute Instrumente, Karten und erfahrene Einzelne zu verfügen. Der Ausguck kann früh erkennen, was von der Brücke aus noch nicht sichtbar ist. Der Navigator kann Karten lesen. Der Maschinenraum kennt die technischen Grenzen. Andere beobachten Wetter, Strömung oder Funkverkehr. Erst wenn diese unterschiedlichen Wahrnehmungen und Kompetenzen verlässlich aufeinander bezogen werden, entsteht eine tragfähige Navigation.

Der Kognitionsanthropologe Edwin Hutchins hat mit dem Konzept der Distributed Cognition, der verteilten Kognition, gezeigt, dass komplexe kognitive Leistungen häufig nicht allein im Kopf einzelner Menschen entstehen. Sie verteilen sich über Personen, Rollen, Werkzeuge, Darstellungen, körperliche Handlungen und eingeübte Kommunikationswege. Wer verstehen will, wie eine komplexe Aufgabe tatsächlich gelöst wird, muss deshalb das gesamte interagierende System betrachten.

Gerade bei Navigationsprozessen wird deutlich, dass relevantes Wissen nicht vollständig bei einem einzelnen Akteur liegt. Es entsteht aus der Koordination verschiedener Beobachtungen, Instrumente und Handlungen. Die kognitive Leistung ist eine Eigenschaft des Systems, nicht nur eines einzelnen Kopfes.

Für moderne Gesellschaften ergibt sich daraus eine entscheidende Frage.

Auch gesellschaftliches Wissen ist verteilt. Wissenschaft verfügt über andere Erkenntnisse als Verwaltung. Kommunen sehen andere Probleme als Ministerien. Bürgerinnen und Bürger besitzen lebensweltliche Erfahrungen, die in keiner Akte vollständig enthalten sind. Jugendliche wiederum nehmen die gesellschaftliche Wirklichkeit aus einem generationellen Aussichtspunkt wahr, den ältere Generationen nicht mehr einnehmen können.

Doch verteiltes Wissen ist noch keine verteilte gesellschaftliche Kognition.

Erst wenn Wahrnehmungen aufeinander bezogen, geprüft, übersetzt, zuständig gemacht und mit ihren Folgen rückgekoppelt werden, entsteht aus der Verteilung eine gemeinsame Lernfähigkeit.

Genau hier setzt PSI-21 an.

PSI-21 versucht, Jugendliche in vernetzte Kleingruppen-Weltbeziehungen zu bringen und diese Gruppen als Alterskohorte mit den verantwortlichen gesellschaftlichen Institutionen zu verbinden.

Die Kleingruppe ist dabei nicht bloß eine pädagogische Methode. Sie schafft einen überschaubaren sozialen Raum, in dem Weltwahrnehmung gemeinsam bearbeitbar wird. Jugendliche können aussprechen, was sie sehen, andere Perspektiven kennenlernen, Widersprüche wahrnehmen, Unsicherheit aushalten und gemeinsam prüfen, welche Fragen hinter einer Beobachtung liegen.

Die Gruppe ersetzt die Welt nicht. Sie macht ihre Komplexität sozial handhabbar.

In diesem Sinn besitzt die Kleingruppe eine strukturelle Ähnlichkeit mit einer Schiffsbesatzung. Niemand verfügt allein über die ganze Lage. Eine Person erkennt etwas früher, eine andere stellt den Zusammenhang her, eine dritte entdeckt einen Widerspruch. Erst aus dem Zusammenspiel entsteht ein belastbareres Bild.

Der Unterschied ist jedoch ebenso wichtig.

Auf einem Schiff ist die wechselseitige Abhängigkeit unmittelbar sichtbar. Die Situation selbst macht deutlich, dass die Beteiligten aufeinander angewiesen sind. Wer eine Gefahr übersieht oder eine notwendige Information nicht weitergibt, gefährdet nicht nur sich selbst. Verantwortung muss hier nicht zunächst moralisch eingefordert werden. Sie ergibt sich aus der gemeinsamen Lage.

In modernen Gesellschaften ist diese wechselseitige Abhängigkeit häufig weniger unmittelbar erfahrbar. Ökologische, soziale und politische Folgen sind räumlich, zeitlich und institutionell verteilt. Menschen können lange so handeln, als wären einzelne Entscheidungen voneinander unabhängig.

Gerade deshalb besteht eine zentrale kulturelle Aufgabe darin, die reale wechselseitige Abhängigkeit gesellschaftlich erfahrbar zu machen, ohne sie moralisch zu erzwingen.

PSI-21 soll Jugendlichen deshalb nicht sagen: Ihr müsst Verantwortung für die Welt übernehmen.

Die stärkere Form lautet:

Ihr seid Teil dieser gemeinsamen Wirklichkeit. Eure Wahrnehmung gehört dazu. Ihr müsst nicht alles wissen, aber ihr könnt lernen, gemeinsam herauszufinden, was die Lage verlangt, wer wofür zuständig ist und welche Folgen Entscheidungen haben.

Damit verändert sich auch der Sinn politischer Bildung.

Die Vorbereitung auf Verantwortung besteht nicht nur darin, Wissen zu vermitteln oder Verantwortungsbereitschaft zu fordern. Sie besteht darin, unter geschützten Realbedingungen einen begrenzten, aber wirklichen Anteil an gesellschaftlicher Orientierung zu übernehmen.

Jugendliche müssen das Schiff nicht steuern. Sie können aber lernen, eine relevante Beobachtung zu machen, sie mit anderen zu prüfen, ihre Bedeutung zu klären und sie so weiterzugeben, dass daraus eine verantwortliche institutionelle Antwort entstehen kann.

Genau darin liegt die Bedeutung des generationellen Aussichtspunktes.

Jugendliche sehen die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht notwendigerweise besser als Erwachsene. Aber sie sehen sie aus einer anderen Position. Sie treten in eine Welt ein, deren Institutionen, Infrastrukturen, Konflikte und ökologischen Folgen sie nicht selbst geschaffen haben. Sie erleben Künstliche Intelligenz, digitale Kommunikation, Klima, Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Zugehörigkeit unter anderen Bedingungen als frühere Generationen.

Sie gehen, bildlich gesprochen, gerade an Bord.

Die Aufgabe einer lernfähigen Gesellschaft besteht deshalb nicht darin, ihnen sofort die Verantwortung für den Kurs zu übertragen. Sie besteht darin, ihnen einen realen Platz im gemeinsamen Wahrnehmungs- und Lernsystem zu eröffnen.

Eine einzelne Kleingruppe kann intensive Weltbeziehung herstellen, bleibt aber notwendig partikular. Deshalb verbindet PSI-21 viele solcher Gruppen miteinander. Ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen werden nicht zu einer künstlichen Einheitsmeinung verdichtet. Sie werden vergleichbar gemacht. Gemeinsamkeiten, Konflikte und offene Fragen werden sichtbar.

So entsteht aus vielen kleinen Gruppen eine generationelle Orientierungsstruktur.

Die Alterskohorte bildet dabei kein kollektives Gehirn. Sie bleibt plural. Aber sie kann lernen, sich als Generation in Beziehung zu einer gemeinsamen Welt zu setzen.

Die Kleingruppe erzeugt Beziehungsfähigkeit. Die Vernetzung erweitert den Perspektivraum. Die institutionelle Rückkopplung erzeugt Verantwortlichkeit. Wiederholung macht daraus kulturelles Lernen.

Entscheidend ist, dass dieser Prozess nicht bei Wahrnehmung und Gespräch endet.

Eine demokratische Lernarchitektur entsteht erst dann, wenn sichtbar wird, welche Stelle zuständig ist, welche Entscheidung getroffen wird, welche Gründe dafür gelten und welche Wirkung daraus entsteht. Genau hier beginnt die verbindliche Seite verteilter gesellschaftlicher Kognition.

Verbindlichkeit bedeutet dabei nicht, dass alle Beteiligten gleich denken müssen. Sie bedeutet, dass Wahrnehmungen einen geregelten Eingang finden, widersprochen werden dürfen, Zuständigkeit geklärt wird, eine verantwortliche Stelle reagiert und die Folgen von Entscheidungen beobachtet werden.

Der Prozess lässt sich so beschreiben:

Wahrnehmen → gemeinsam prüfen → Perspektiven verbinden → Zuständigkeit klären → institutionell antworten → handeln → Wirkung beobachten → revidieren.

Die nächste Kohorte beginnt nicht wieder bei null.

Sie übernimmt Karten, Erfahrungen, offene Fragen und dokumentierte Wirkungen der vorherigen. Damit berührt verteilte Kognition den Begriff der Kulturbildung.

Kultur besteht nicht nur aus Werten, Wissen und Traditionen. Sie besteht auch aus den Verfahren, mit denen eine Gesellschaft wahrnimmt, Konflikte bearbeitet, Entscheidungen begründet und aus Folgen lernt.

PSI-21 versucht deshalb, Jugendliche nicht lediglich in eine bestehende Kultur einzuführen. Es versucht, sie in einen wiederkehrenden Prozess einzubeziehen, in dem diese Kultur sich selbst prüfen und weiterentwickeln kann.

Das ist auch der Punkt, an dem die Anthropozän-Debatte eine neue Wendung erhält.

Das Anthropozän zeigt, dass menschliche Kultur planetarisch wirksam geworden ist. Aber planetarische Wirksamkeit bedeutet noch keine planetarische Orientierungsfähigkeit. Die gesellschaftliche Herausforderung besteht darin, viele unterschiedliche Aussichtspunkte, Wissensbestände und Erfahrungen so miteinander zu verbinden, dass aus ihnen eine lernfähige gemeinsame Praxis entsteht.

Hier liegt auch eine mögliche Erklärung dafür, warum große Warnungen wie Die Grenzen des Wachstums trotz ihrer enormen intellektuellen Wirkung nur begrenzt in gesellschaftliche Transformation übersetzt wurden.

Eine Instrumentenanzeige verändert den Kurs eines Schiffes nicht von selbst.

Zwischen Signal und Kurskorrektur liegen Wahrnehmung, Interpretation, Zuständigkeit, Entscheidung, Handlung und Rückkopplung.

Das Globale Lernen hat diese Grenze längst berührt. Es reicht nicht, Informationen bereitzustellen. Es braucht zusätzlich motivationale, volitionale und soziale Voraussetzungen, damit Verantwortung tatsächlich wahrgenommen werden kann. Ebenso schützt auch unmittelbare Erfahrung nicht vor Einseitigkeit; Wahrnehmung bleibt perspektivisch und kulturell geprägt.

Deshalb genügt weder mehr Information noch der moralische Appell allein.

Gefragt ist eine gesellschaftliche Form, in der Wahrnehmung, Unterschied, Antwort und Wirkung aufeinander bezogen werden.

Auch die Arbeiten zur Great Transition weisen in diese Richtung. Zukunft erscheint dort nicht als linearer Verlauf, sondern als offener Möglichkeitsraum, der von gesellschaftlichen Entscheidungen geprägt wird. Übergänge können unterschiedliche Pfade nehmen, und gerade deshalb wird das Denken in Alternativen selbst zu einer politischen Fähigkeit.

PSI-21 setzt an dieser Stelle an, ohne zu behaupten, den gesellschaftlichen Kurs selbst bestimmen zu können.

Es ist kein neues Steuerhaus.

Es ist der Versuch, eine zusätzliche Kopplungsstruktur zu schaffen: eine wiederkehrende Architektur, in der unterschiedliche gesellschaftliche Aussichtspunkte wahrgenommen, geprüft, zuständigkeitsbezogen beantwortet und anhand ihrer Wirkungen weiterentwickelt werden können.

Die Schiffsmetapher führt deshalb nicht zu einer Vorstellung zentraler Steuerung. Sie führt zu einer anderen Idee von Navigation.

Eine lernfähige Demokratie braucht nicht einen Kapitän, der alles weiß. Sie braucht viele verlässliche Aussichtspunkte, gute Instrumente, unterschiedliche Kompetenzen, klare Verantwortlichkeiten und Verfahren, durch die Beobachtungen einander erreichen.

Und sie braucht für jede neue Generation einen Weg, an Bord nicht nur Passagier zu sein.

PSI-21 bringt Jugendliche in vernetzte Kleingruppen-Weltbeziehungen, in denen sie lernen, einen eigenen Anteil an der Wahrnehmung der gemeinsamen Lage zu übernehmen. Als Alterskohorte werden diese Gruppen miteinander und mit den verantwortlichen Institutionen verbunden. So soll aus verteiltem Wissen schrittweise eine responsive gesellschaftliche Lernfähigkeit entstehen.

Kulturbildung wäre dann die lernende Navigation einer Gesellschaft durch eine Wirklichkeit, die niemand allein überblicken kann.